| von Reinhard Wanka
War Mühldorf um 1860 eine kleine Innstadt
mit nur 1981 Einwohnern, so sollte sich dies innerhalb kürzerer Zeit
ändern. Mühldorf erlebte in den folgenden Jahren einen großen Aufschwung
und konnte einigen Nachbarstädten wie Neuötting, Altötting und
Wasserburg wirtschaftlich und größenmäßig den Rang ablaufen. Wie kam
dies?
Am 5. Oktober 1863 wurde ein Gesetz verabschiedet, durch dessen
Ausführung Mühldorf eine Bahnstation bekam, die zu einem der
bedeutendsten Knotenpunkte in Südbayern heranwuchs.
Damals waren von den großen Orten der weiteren Umgebung nur Landshut,
Rosenheim, Passau, Salzburg und natürlich München an die Eisenbahn
angeschlossen. Zur Entlastung der Hauptstrecke München-Salzburg wurde
nun an eine neue Linie mit Anschluß an das österreichische Netz gedacht.
Daneben sollte sie auch das große eisenbahnlose Viereck im Gebiet
zwischen Isar, Salzach und Donau eisenbahnerisch erschließen.
Aus den vielen Vorschlägen, Bitten und Petitionen, die von Hunderten von
Bürgerkomitees eingingen, sollte die wirtschaftlichste und
verkehrspolitisch günstigste ausgewählt werden.
Da gab es Vorschläge, die eine Bahn von Freilassing, Traunstein oder
Rosenheim nach Passau oder Vilshofen führen wollten. Andere wiederum
machten sich für eine Linie von Rosenheim oder Traunstein nach Landshut
oder Regensburg stark. Schließlich waren da noch die Befürworter einer
neuen Strecke von München aus nach Osten. Diese hätte neben der
Erschließung des südostbayerischen Raumes auch noch die Strecke
München-Salzburg entlastet. Auf diese Streckenführung einigte man sich
zuallerst, legte aber im Gesetz nur fest, daß sie von München aus in
östlicher Richtung an die bayerisch-österreichische Grenze bei Simbach
oder Neuhaus/
Schärding führen sollte.

Allerdings dauerte es bis zum Jahre
1868, bis mit dem Bau der Linie begonnen werden konnte. Schuld an dieser
langen Verzögerung waren einmal die beteiligten bzw. unberücksichtigten
Orte und Gemeinden. Durch viele Einsprüche, Eingaben und Wünsche konnte
keine schnelle Entscheidung darüber gefällt werden, wie die Bahn nun von
München aus an die österreichische Grenze führen sollte.
Zwei Möglichkeiten mit verschiedenen Varianten standen als
Alternativpläne zur Verfügung. Einmal wäre eine Strecke über Erding,
Velden und Vilsbiburg ins Rottal möglich gewesen. Sogar die Idee, von
Dorfen aus über Buchbach und Oberbergkirchen nach Neumarkt ins Rottal zu
bauen, wurde erwogen.
Die zweite Möglichkeit bestand in der Linie von Markt Schwaben, über
Dorfen, Mühldorf nach Simbach mit Grenzübergang und Innbrücke nach
Braunau. Letztere Linie wurde dann von der Kgl. Bayerischen
Staateisenbahn projektiert, nachdem die Variante über Altötting wegen
zweier zusätzlicher Innbrücken aus Kostengründen verworfen wurden.
Außerdem konnten sich Neuötting und Altötting nicht über die Lage eines
Bahnhofes einigen.
Nun kamen langwierige Verhandlungen mit der k. u. k. österreichischen
Eisenbahnverwaltung dazu. Neben den bestehenden Grenzübergängen in
Passau und in Salzburg wäre derjenige in Simbach/Braunau der dritte
Grenzübergang an Inn und Salzach geworden. Dies erschien den
Österreichern nicht sehr vordringlich. Zu guter Letzt waren sie zu dem
Anschluß bereit, wenn die Grenzstation in Simbach erstellt würde. Erst
nach Unterzeichnung des Staatsvertrages zwischen dem Königreich Bayern
und dem Kaiserreich Österreich-Ungarn im Jahre 1867 waren alle
politischen Hürden überwunden und der Bau konnte beginnen. Nun wurde die
Fertigstellung abermals durch politische Ereignisse verzögert. Diesmal
war es der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der viele Bauarbeiter
von der Baustelle weg in den Krieg holte.

Am l. Mai 1871 wurde zunächst die Teilstrecke München-Neuötting
feierlich dem Verkehr übergeben, denn die Bausektion Simbach war mit der
Fertigstellung des Grenzbahnhofs und der Innbrücke nicht termingerecht
fertiggeworden.
Ein langgehegter Wunsch ging für die Mühldorfer in Erfüllung, als
folgende Meldung verbreitet wurden: „Am 1. Mai wird die 26 Stunden*
lange Bahnstrecke München-Neuötting mit den Stationen München
(Hauptbahnhof), Thalkirchen (München-Süd), Haidhausen (München-Ost),
Riem, Feldkirchen, Poing, Schwaben, Hörlkofen, Walpertskirchen, Dorfen,
Schwindegg, Weidenbach, Ampfing, Mühldorf und Neuötting eröffnet.” (*1
Stunde war ein altes Wegmaß und entsprach 3,71 km)
Zu Beginn wurden täglich zwei Zugpaare eingesetzt, welche für die 97 km
von München nach Neuötting 4 Stunden benötigten. Für damalige
Verhältnisse bedeutete die erzielte Reisegeschwindigkeit von etwa 25
km/h einen großen verkehrstechnischen Fortschritt, denn nun konnte man
am Morgen nach München fahren und am Abend des gleichen Tages wieder
zurückkehren.
Entsprechend feierlich wurde auch die Ankunft des ersten Zuges in
Mühldorf begangen. Am Bahnhof erwarteten den Zug die Mitglieder des
Magistrats und des Gemeindekollegiums. Eine zahlreiche Menschenmenge
hatte sich außerdem noch eingefunden. Als man des Zuges ansichtig wurde,
ertönten Böllerschüsse und flaggte außerdem noch die deutsche und
bayerische Fahne zum Empfange.
Die Lokomotive wurde mit der Inschrift „Gruß der Stadt Mühldorf“ und mit
vielen Kränzen und Fahnen geschmückt.
Einen Monat später, am l. Juni 1871, konnte dann das Teilstück von
Neuötting nach Simbach/Braunau in Betrieb genommen werden und 1878 wurde
die durchgehende Verbindung von Braunau über Linz nach Wien
fertiggestellt. Tatsächlich erlangte die Strecke eine gewisse
internationale Bedeutung, als der berühmte Orient-Expreß
Paris-Wien-Istanbul zwischen 1883 und 1897 die München-Simbacher-Route
benützte. In Mühldorf allerdings hielt er nicht an.
Bereits nach weiteren vier Jahren, am 15. Oktober 1875, konnte die
Bahnlinie nach Pilsting/Plattling eröffnet werden und als am l. Mai 1876
gar die Linie Mühldorf-Rosenheim ihrer Bestimmung übergeben wurde, war
Mühldorf zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt geworden.
Die Linie von Mühldorf über Neumarkt nach Pocking, später bis Passau
verlängert, ergänzte 1879 bzw. 1888 das Bahnnetz. Über Neumarkt wurde
auch eine Verbindung hergestellt nach Landshut, welche 1908 eine
südliche Fortführung als Tauernbahn nach Freilassing erfuhr.
Noch vor der Jahrhundertwende hatte auch Burghausen durch die Stichbahn
Mühldorf- Burghausen (1897) einen langersehnten Bahnanschluß bekommen.
Im Jahre 1910 waren die Neubaumaßnahmen abgeschlossen, als die bisherige
Stichbahn Traunstein-Trostberg mit Garching verbunden wurde und damit
die durchgehende Linie Mühldorf-Traunstein entstand.
Von Mühldorf gingen also einst neun Bahnlinien aus, nämlich nach
München, Simbach, Landshut, Plattling, Passau, Rosenheim, Traunstein,
Freilassing und Burghausen.
Die Bahnanlagen selbst mußten immer wieder erweitert werden, um den
wachsenden Verkehr aufnehmen zu können. Als dann in den Zwanziger Jahren
die chemische Industrie im Inn-Salzach-Gebiet aufgebaut wurde, stieg vor
allem auch das Güteraufkommen stark an. In den Jahren 1942-1944 machten
die gestiegenen Beförderungszahlen den Bau des Rangierbahnhofs nötig,
bei seiner Fertigstellung einer der größten und leistungsfähigsten der
Deutschen Reichsbahn. Die zentrale Lage Mühldorfs brachte es mit sich,
daß das Bahnbetriebswerk ständig vergrößert und erweitert wurde. Die
Lokschuppen mit den rauchenden Dampfloks waren ein Jahrhundert lang ein
Wahrzeichen von Mühldorf.

Dann begann die Bundesbahn den „Loks das Rauchen abzugewöhnen“ und
Dieselloks und Dieseltriebwagen übernahmen die Zugbeförderung. Aber die
Bahn brachte den Mühldorfer Bürgern nicht nur Freude, sie mußten auch
wegen der Bahn leiden, als große Teile des Bahngeländes und der Stadt
bei Bombenangriffen am 19. März und am 20. April 1945 zerstört wurden.
Obwohl die militärische Entscheidung im 2. Weltkrieg längst gefallen
war, sollten die Bahnanlagen wegen ihrer strategischen Bedeutung
ausgeschaltet werden.
Allein beim ersten Angriff fielen etwa 3500 Bomben auf das Bahngelände,
zerstörten hunderte von abgestellten Wagen, beschädigten 50 Lokomotiven
und vernichteten 75 % der gesamten Gleisanlage. Ähnliche Folgen zeigte
auch der zweite Angriff, so daß es dann auch Wochen und Monate dauerte,
bis der Zugbetrieb wieder in vollem Umfang aufgenommen werden konnte.
Das Empfangsgebäude, ebenfalls durch Bomben beschädigt, wurde eher
notdürftig repariert und galt alsbald als Schandfleck für Mühldorf.
Dennoch dauerte es bis 1978, bis das jetzige, in moderner, funktioneller
Architektur erbaute Stationsgebäude eingeweiht werden konnte.
Die Stillegungspläne der Bundesbahn haben auch vor unserem Raum nicht
Halt gemacht. Die Strecken nach Haag und nach Velden sind längst schon
für den Personenverkehr stillgelegt oder teilweise abgebaut worden. Das
gleiche Schicksal war der einstigen Hauptbahn Mühldorf-Plattling
beschieden, die zwischen Plattling und Frontenhausen bereits abgebaut
wurde. Lange unterbrochen war auch der Verkehr von Mühldorf nach
Rosenheim, der nach Fertigstellung bzw. Restaurierung der Innbrücken in
Jettenbach und Königswart wieder durchgehend aufgenommen wurde.
Für die anderen Linien gibt es dagegen Erhaltungs-, Sanierungs- und
sogar Ausbaupläne. So sieht der Bundesverkehrswegeplan von 1985 vor, die
Strecke München-Mühldorf-Freilassing zu elektrifizieren und zweispurig
auszubauen. Nachdem der Nachweis der Wirtschaftlichkeit erbracht wurde,
folgen konkrete Planungsschritte. Dabei soll diese Ausbaustrecke
Südostbayern erschließen, dem grenzüberschreitenden Verkehr mit
Osterreich dienen sowie die dringend notwendige Entlastung der
Brennerzulaufstrecke im Abschnitt München-Rosenheim bringen. All dies
sind Argumente, die schon in den Jahren nach 1860 für den Bahnbau
vorgebracht wurden. Nachdem die Bahn immer noch auf 130 Jahre alten
Verkehrswegen rollt, ist es an der Zeit, dem im Bau (beim Landverbrauch)
und im Betrieb umweltfreundlichsten Verkehrsmittel Trassen für modernen
Güter- und Personenverkehr zu bieten.
Ausführlich beschrieben in:
R. Wanka, Mühldorf wird Bahnstation,
Das Mühlrad, Band XXVIII
R. Wanka, Der Bahnknotenpunkt Mühldorf, Das Mühlrad, Band XXIX
R. Wanka, Die Bahnlinie Mühldorf-Burghausen, Oettinger Land IX |